Anja Manfredi. Bewegungsbilder

Bewegung und Bild, zumal das fotografische, stehen in einem spannungsreichen Verhältnis – gilt Fotografie doch als arretierendes und fixierendes Medium par excellence. Mit anderen Worten: „...die ganze Idee des Anhaltens von Bewegung ist zutiefst photographisch.“ (Rosalind Krauss)

Fotografie ist das zentrale Thema und Mittel der österreichischen Künstlerin Anja Manfredi, der die Galerie OstLicht nun eine umfassende Werkschau widmet. Präsentiert werden Arbeiten von 2000 bis heute, die vielfältige Bezüge des Fotografischen entfalten, es gleichsam in Bewegung bringen. Im Fokus befindet sich dabei der Körper mit seinen vielschichtigen Gesten.

Die Ausstellung verknüpft neuere und neueste Kreationen der Künstlerin mit ausgewählten Stücken ihres bislang unveröffentlichten Frühwerks und des bekannten Archivs der Bewegungen (2005 – 2007). Fotografien, Filmprojektionen und Objektinstallationen treten in einen wechselseitigen Dialog, der vermeintlich disparate Motive wie abstrakte Zeichnungen, Wiener Teppichläden oder Pflanzen in Entwicklungsschalen als Fäden eines beeindruckenden Gewebes offenbart. Feinsinnig, poetisch, gleichwohl von Gewicht.

Charakteristisch für Manfredis Arbeitsweise ist das Prinzip der Collage. Sie fertigt fotografische Tableaus, die im Spiel mit Bildern im Bild, symbolisch aufgeladen und höchst referentiell, Verdichtungen erzeugen und zugleich der Offenheit frönen. Ihre Ästhetik des Fragmentarischen entspricht der Unabschließbarkeit des Sujets, ist ein steter Appell an die Vorstellungskraft. DeBildraum wird zur Bühne für mannigfaltige Posen, eingenommen durch die Künstlerin oder Personen ihres Umfelds, konfrontiert mit Objekten, Bildern und Texten aus Archiven, Sammlungen und Büchern, umgeben von Leerstellen, Weißflächen, Grau- beziehungsweise Denkraum.

Diese Konstellationen und Re-Enactments reflektieren historische Körperkonzepte und Techniken der Disziplinierung, etwa mit Blick auf den Hysteriediskurs des 19. Jahrhunderts oder die Anfänge des modernen Ausdruckstanzes (vgl. Wiener Teppichläden, 2013, Performativ der Hysterie, 2009, Re Enacting Isadora Duncan mit Roberta Lima, 2009). Der Körper, durchdrungen von Konventionen und normativen Strukturen, wird in Manfredis Choreografien als Ort der Möglichkeit ausgelotet, für verschobene Handlungs- und Betrachtungsweisen. Von Interesse ist dabei besonders die Geste. Bei Giorgio Agamben als „Mitteilung einer Mittelbarkeit“ jenseits von Sinn und Zweckmäßigkeit beschrieben, sind Gesten unweigerlich auch Ausdruck von Bewegungsmustern. Sie signalisieren die Teilhabe an kollektiven Zeichen, sind mit Aby Warburg verkörpertes Archiv. Damit seziert und generiert die Künstlerin ein Phänomen, das unablässig zwischen Vorlage und potentiellem Freiraum changiert. In diesem Sinne lässt Eine Geste wird belichtet (seit 2011) drei Akteurinnen mit Modellen je eines klassischen Instruments der körperlichen Reglementierung interagieren – einer fotografischen Posevorrichtung, einer Korsettschnürmaschine und einer Ballettstange. Daraus entstanden drei Filme, in der Ausstellung analog projiziert, die Manfredi in verschiedene Richtungen weiterführt. So wird der Galerieraum lose verwoben und rhythmisiert durch abgelichtete Grafiken, die Körperbewegungen und Blickachsen in abstrakte Linienmuster übersetzen. Als Notationen repräsentieren sie Kader für Kader einen gesamten Film, funktionieren aber umso eigenwilliger als ästhetische Variationen, die sich einer Lesbarkeit leise entziehen. Stark vergrößert auf Stoff gedruckt, werden sie zu Vorhangkonstruktionen, die als Teiler des Raums auch fotografisches Studioinventar zitieren. Den zweiten Film hat die Künstlerin in einer Geste des Werfens für eine Serie von Fotogrammen verwendet, in denen sich weiß auf schwarz Formationen der Filmrolle abzeichnen. Filigran und massiv, mit schillernden Zwischentönen. Eine Geste wird belichtet öffnet somit ein komplexes Verweissystem auf der Basis von Filmen, die nicht zuletzt drei spezifische, sensible Porträtstudien darstellen. Wie bei allen Arbeiten Manfredis sind auch in diesem Fall die Hintergründe ihres Gegenübers relevant, um den Spagat aus Vorgabe und Aneignung zu vollführen – befassen sich Nicole Haitzinger, Katrina Daschner und Felicitas Thun-Hohenstein doch in unterschiedlichen Disziplinen mit Performanz. Erstere kehrt in einer Folge von Fotografien zu einem fotografischen Posestuhl zurück, macht …A…O…U… Sprechübungen und scheint sich schließlich auf besagtem Vorhangstoff, also den eigenen Bewegungen auszuruhen (Eine Geste wird belichtet – photographische Weiterführung, 2013).

Der performative Ansatz der Künstlerin geht einher mit einer konsequent kulturwissenschaftlichen Perspektive. Ihre Auseinandersetzung mit Theorie und Geschichte auf der einen und die fotografische Praxis auf der anderen Seite greifen stetig ineinander. Ausgangspunkte und Schritte der Übersetzung
ins Bild werden strategisch transparent gemacht, etwa in Form reproduzierten Recherchematerials und mit „Fehlprints“, die als Einzelwerk oder Bausteine einer Arbeit fungieren. Es handelt sich, anders ausgedrückt, um einen multiperspektivischen Zugriff, dessen Facetten im Werk teils sichtbar werden – Vorbilder und Lesespuren ebenso wie das Experiment in der Dunkelkammer (vgl. Vorbilder und Nachbilder, 2013, Recherche und Lesespuren, 2012, Performance in der Dunkelkammer, 2013).

Manfredi arbeitet mit und gegen Fotografie. Medienimmanente Flächigkeit und Starre werden aufgebrochen durch Schichtung und Schattenwurf, Ablauf und Vereinzelung, Filmrolle und Projektion. Gleichzeitig ist das Fotografiespezifische, diese „Botschaft ohne Code“ (Roland Barthes) im Sekundenbruchteil der Belichtung, ihre absolute Faszination. Nicht nur indem sie „optisch Unbewusstes“ (Walter Benjamin) vor Augen führt, sondern weil dieser Moment des Zufalls unerschöpfliche Quellen des Möglichen birgt. Die Bedeutung des Analogen, des fotografischen Akts und Prozesses, ist für die Kunst von Manfredi elementar. Die Frage was Fotografie, dieses sonderbare Schreiben mit Licht, denn eigentlich sei, begleitet ihr Tun in einer Intensität, die es erlaubt „Fotografieren als Lebenseinstellung“ (Vilèm Flusser) zu attestieren. Letztere wird in einer jüngeren Arbeit pointiert inszeniert, ihrem Selbstportrait mit Graukarte und Zahnschmerzen (2013).
Inwiefern sich nicht nur Gemütsbewegungen und Befindlichkeiten, sondern die persönliche Geschichte im Allgemeinen ausprägen, verhandeln implizit Die Gesten des Graphein (2013): Hier versammeln sich neben Photographie, Choreographie, Ikonographie und Klecksographie auch Versatzstücke der eigenen Biographie. Vieles bleibt im Verborgenen, könnte sich erschließen. Dass
der Film Campy Funken (2012) im Garten der Eltern erblühte, ist für den Genuss der Farbenpracht freilich ohne Belang. Pflanzen, die sich entwickeln. Mit ihren Porträts von sogenanntem Unkraut
liefert die Künstlerin letztlich Metaphern eines fragilen und vergänglichen Körpers. Wuchern, Luft nehmen, am falschen Platz sein. Aber auch: umsorgt werden, gedeihen, Früchte tragen. Sie hat die Gewächse einen Sommer lang begleitet und in ihren Entwicklungsschalen abgelichtet. Dieses Werden ist dokumentiert und potenziert in einer Serie großformatiger Fotografien, die als Blätter an den Wänden ranken (SUMMER 2013, 2013).

So sind Anja Manfredis Werke Ergebnisse von Bewegungen in mehrfacher Hinsicht. Und Sprungbretter für Bewegungen, zumindest des Geistes. Die Wanderschaft der Bilder zieht ihre unabsehbaren Spuren, kristallisiert sich in dauernden und temporären Räumen, lässt schreiten, innehalten, blicken und blättern. Eine Analogie von Fotografie und Körper blitzt auf. Ereignisse der Zeit schreiben sich ein, evozieren Linien, Falten, Gedanken und Gesten. Oder im Terminus der Künstlerin, den „Körper als photographische Langzeitbelichtung.“
Rebekka Reuter

Anja Manfredi. Images of Movement

Movement and the image, especially the photographic image, are at apparent odds – considering the fact that photography is the arresting and fixating medium par excellence. In other words: “the very idea of stop-motion is intrinsically photographic.” (Rosalind Krauss)

Photography is the central theme and medium for Austrian artist Anja Manfredi, whose work is now being showcased in a comprehensive exhibition at the Galerie OstLicht. Artworks produced from 2000 until today are presented, a spectrum among which many and varied aspects of the photographic condition unfold, bringing it, so to speak, into motion. The focus is thereby set on the
body and the many facets of its gestures. The exhibition interlaces newer and newest of the artist’s creations with selected pieces of her yet unpublished early work and the known Archiv der
Bewegungen (or Archive of Movements, 2005-2007). Photographs, film projections, and object installations enter into a reciprocal dialogue, one that unveils apparently disparate motifs (such as abstract drawings, carpet shops in Vienna, or plants in developing trays) as in fact being the strands of an impressively woven web. Subtle, poetic, and all the while of significance. Characteristic of Manfredi’s artistic practice is the principle of collage. She creates photographic tableaux that, in a play with pictures-in-picture, symbolically charged and highly referential, produce concentrated knots of material and simultaneously indulge in a certain candor. Her aesthetic of the fragmentary
corresponds with the interminability of the subject, constantly calling upon

the faculty of imagination. The pictorial space becomes the stage for diverse poses, taken either by the artist herself or by persons from her environment, confronted with objects, images and texts from archives, collections, and books surrounded by gaps, white surfaces, gray, or thinking space.
These constellations and re-enactments reflect upon historical concepts of body and disciplinary techniques, considering for example the discourse around hysteria in the nineteenth century, or the beginnings of modern expressive dance: e.g. Wiener Teppichläden (or Carpet Shops in Vienna, 2013), Performativ der Hysterie (or Performative of Hysteria, 2009), Re-Enacting Isadora Duncan mit Roberta Lima (or Re-Enacting Isadora Duncan with Roberta Lima, 2009). The body, pervaded by conventions and normative structures, is fathomed in Manfredi’s choreography as a place of possibility for shifts in behavior and perception. The interest in this case is especially in gestures. Described by
Giorgio Agamben as the “communication of communicability” beyond sense and purpose, gestures are inevitably also the expression of patterns of movement. They signalize a participation in collective signs; they are, in the notion of Aby Warburg, an embodied archive. The artist thereby dissects and generates a phenomenon that ceaselessly oscillates between the given pattern and
potential free space. It is along these lines that in Eine Geste wird belichtet (or A Gesture is
Exposed, since 2011) three protagonists each interact with a model of traditional instruments designed to regulate the body – a posing apparatus used in early photography, a corset-lacing device and a barre. Three films were the result, each projected in analogue format in the exhibition, which Manfredi extended into different directions. The gallery spaces are loosely interwoven and rhythmized by the photographed graphics, which translate body movements and visual axis into abstract linear patterns. As notations, they represent frame-per-frame an entire film, operating however even more independently as aesthetic variations that quietly elude unequivocal legibility. Greatly enlarged and printed on textile, these photographed notations become curtain constructions that in turn are reminiscent of partitions typical of a photo studio inventory. In a throwing gesture, the artist used the second film for a series of photograms, in which the white on black formations of film rolls are visible. Delicate, yet massive, with chatoyant shades. Eine Geste wird belichtet (or A Gesture is Exposed) hence comprises a complex system of references using the films as a basis, films that likewise represent three specific, sensitive portrait studies. As is the case with all of Manfredi’s works, here too her counterpart’s background is relevant in bridging the gap between prescription und appropriation – after all, Nicole Haitzinger, Katrina Daschner and Felicitas Thun-Hohenstein each work in various fields concerned with performance. Haitzinger returns to the posing apparatus in another series of photographs in which she does speech exercises …A…O…U… and she appears to be sitting on the abovementioned curtain fabric, as if resting upon her own movements (Eine Geste wird belichtet – photographische Weiterführung or A Gesture is Exposed – photographic continuation, 2013).

The artist’s performative approach is accompanied by a perspective that considers diverse aspects of cultural production. Her confrontation with theory and history on the one hand and with photographic practice on the other consistently intertwine. The points of departure and the steps required in the
translation from theory into images are made strategically transparent, visible or instance in the reproduction of research material or with “faulty prints” that function as individual works or as the building blocks for an artwork. In other words, the approach is one that relies on multiple perspectives, facets of which are partially visible throughout her work – role models and traces of
reading, as well as experimentation in the darkroom (see Vorbilder und Nachbilder or Images Before and After / Role Models and Afterimages, 2013, Recherche und Lesespuren or Research and Traces of Reading, 2012, Performance in der Dunkelkammer or Performance in the Darkroom, 2013).
Manfredi works with and against photography. The medium’s immanent conditions of flatness and rigor are disrupted through layers, shadows cast, sequences and isolation, film rolls and projections. At the same time, it is precisely the very specific condition of photography, the “message without code”
(Roland Barthes) in the split second of an exposure that absolutely fascinates the artist. Not only because it illustrates the “optical unconscious” (Walter Benjamin), but because this moment of coincidence provides an infinite source of possibilities. The significance of the analogue, the photographic act and its processes, are fundamental to Manfredi’s art. The inquiry into what photography, this peculiar writing with light, really is accompanies her practice with such
intensity that it is testimony to “taking pictures as a way of living” (Vilèm Flusser). This is perhaps most trenchantly staged in her self-portrait Selbstportrait mit Graukarte und Zahnschmerzen (or Self-portrait with a Gray Card and a Toothache, 2013).

The extent of which not only emotion and mental states, but likewise the artist’s personal history, also find expression in her artwork in general is implicitly addressed in Die Gesten des Graphein (or Graphein Gestures, 2013): Here, along with photography, choreography, iconography and splotch-o-graphy, props from her personal biography are also featured. Much remains veiled, could however be revealed. The fact that Campy Funken (or Campy Sparks, 2012), bloomed in her parents’ garden, is extraneous to the pleasure one takes in the rich colorful play of the film. Plants that develop. With her portraits of so-called weeds, the artist ultimately provides a metaphor for the fragile and ephemeral condition of the body. Rampantly growing, taking in air, being in the wrong place. But at the same
time: being cared for, flourishing, bearing fruit. She observed the plants an entire summer and photographed the developing trays. This evolution is documented and potentized in a series of large-format photographs that trail up the walls like leaves and tendrils (SUMMER 2013, 2013).
As such, Anja Manfredi’s works are the results of movements in a number of ways. And the springboard for even more movement, at least intellectually. The wandering images leave incalculable traces, crystallizing in permanent and temporary space, they let us pace, pause for a moment, gaze, and browse. An analogy of photography and the body flashes through our mind. Events are
inscribed, evoking lines, folds, thoughts and gestures. Or in the words of the artist, the “body as long-exposure photography.”
Rebekka Reuter