Ohne Titel (ROT), 2018-2019
bestehend aus: analogen Photographien

Sehen, Erkennen, Aufnehmen, Übertragen, Entwickeln, Transformieren - es sind diese und ähnliche Gesten der analogen Photographie, die Anja Manfredi in ihrer Werkgruppe „Ohne Titel (rot)“ mit Konzepten der Reformpädagogin Maria Montessori kurzschließt.

Was Manfredi insbesondere interessiert, ist Montessoris Vergleich des „absorbierenden Geistes“ des Kindes mit dem Fotoapperat. Währendder ersten Lebensjahre haben Kinder die Fähigkeite, Umwelteindrücke in ihrer Gesamtheit aufzunehmen und im Unbewussten zu speichern. Sie werden im Dunkeln des Unbewussten verarbeitet und treten später in geordneter Form, beispielsweise als Sprache, wieder zutage.

Dieser geheimnisvolle Mechanismus ist mit jenem der analogen Photographie vergleichbar. Die Kamera nimmt alle Bildinformationen auf, die durch die Linse eintreten. Im Dunklen des Apperates und der Kamera werden diese Bilder gespeichert und übertragen, und nach einem längeren, teils auch zufälligen Entwicklungsprozess zeigt sich ihre tatsächliche Erscheinung auf dem Photomaterial. Ausgangspunkt der Photographien von Anja Manfredi ist das nach Größe gestaffelte Set der „roten Stangen“, das zu Montessoris „Sinnesmaterialien“ zählt und ein Mittel zum Erlernen ordnender, motorischer und begrifflicher Fähigkeiten ist. Im Lauf der Werkserie formiert Manfredi die Stangen immer wieder neu, ersetzt das Material Holz durch Stoff und photographiert die stilllebenartigen Inszenierungen auf unterschiedliche Weise - mit der Großformatkamera, als Photogramm, in unterschiedlichen Abstufungen.

Die Photographien erscheinen wie Wahrnehmungsabdrücke der Strukturen und Formen im Gedächtnis, wo sie als sich wandelnde, transformierbare Informationen gespeichert sind. Die photographischen Bilder selbst sind ungewöhnlich immersiv und zugleich konfrontativ. Die Bildfelder sind in etwa so groß wie Oberkörper und ihre gesamte Welt ist von intensiven Rottönen bestimmt, die in die Wahrnehmung der Betrachterinnen und Betracher ausstrahlen.

Und nicht zuletzt werden wir auch über die reflektierenden Oberflächen der Photographien in die Bilderwelt integriert. Die Bilder fordern zum Schauen auf und sind Statements über die Photographie als eine Methode, das Sehen und Erfassen der Welt zu untersuchen.

Text: Jürgen Tabor